Der täglich sie erobern muß.



Unsere frische und gesunde Augenblicksarbeit wird nicht unmittelbar bestimmt durch Vermutungen über ganz ferne Dinge der Vergangenheit oder Zukunft.
Zu jeder Kraft gehört wohl ein gewisser Glaube. Aber dieser Glaube wurzelt in tieferen Erfahrungs- und Gefühlswerten als grübelndem Vermuten. Wenn ein tapferes, kraftbewußtes Volk gegen ein Heer von Gegnern um seinen Platz an der Sonne ringt, so vertraut es im Moment auf sein Geschichtsrecht und seine Zukunftsaufgabe, und daran kann ihm keine Theorie etwa über urälteste Herkunft seiner Rasse oder entlegenste Endschicksale menschlicher Rassen überhaupt rütteln. Und so ist es auch mit der Menschheit im Ganzen.

Jeder echte und einigermaßen tiefe Mensch in unserer Kultur, sei er schlicht oder hoch, gelehrt oder bloß mit dem einfachsten Bildungsanteil, – er pflegt auf einer gewissen Reife seines Lebens seinen Menschheitsglauben zu haben. Er hat sein Teil Dinge erlebt, gute und schlechte. Viel schlechtes, enges, beschränktes. Er hat das Bruchstück erlebt, das in jedem kurzen Menschendasein inmitten von so viel Nacht und Schwierigkeiten liegt. Er schwelgt nicht in überflüssigem Schönfärben. Dennoch zieht er als Summe den Glauben, daß neben der Nacht auch Licht ist; daß die Dinge nicht bloß im Trüben stecken bleiben und das Gute sich auf die Dauer doch einigermaßen durchsetzt, wenn auch in schwerer Arbeit und nicht als leichtes Geschenk; daß es, mit einem Wort, trotz alledem vorwärts gehe. Ohne diesen Glauben könnten wir nicht leben, – wir können[6] es aber, denn er gestaltet sich eben als letzter Rückstand aller Erfahrungen immer wieder in uns. Wenn wir durch das Volk gehen und die schlichtesten Leute fragen oder bloß bei ihrem Handeln beobachten, Leute, die eine gewisse Lebensarbeit ernst hinter sich haben und doch still weiterschaffen, so stoßen wir überall auf diesen Glauben; unzählige lebensgeprüfte Männer und Frauen haben nicht die Redegabe, ihm Ausdruck zu verleihen, aber ihre Arbeit ist ihr Ausdruck, und auf dem vertrauenden Geiste dieser Stillen ruht unsere edelste Volkskraft. Zu diesem Glauben gehört aber auch etwas, das über das Bruchstück des Einzellebens hinausgreift. Es gehört der besondere Glaube noch dazu an etwas weiteres, dauernderes, – Kinder, Nachkommende, Volk, Kultur, zuletzt Menschheit; der Glaube, daß auch da etwas weiter sich durchsetze irgendwie von Nacht zu Licht, ein Aufstieg, eine Fortentwickelung, ein Besserwerden.
Man verlangt auch da nichts Überschwengliches, verlangt nicht morgen das Paradies; aber doch etwas, das unserer harten Arbeit mit ihren ungezählten Entsagungen noch einen weiteren Sinn gibt. Auch diesen weiteren Blick haben wir nötig, und auch er hat in seiner Weise etwas Felsenfestes, an dem uns nichts rütteln kann. Auf diesen ganzen stillen Zuversichten baut sich unser praktischer Idealismus auf, den man so bescheiden ausdrücken mag, wie man will, so bleibt er doch zuletzt der Herzschlag unseres ganzen geistigen Lebens im einzelnen wie in der Öffentlichkeit. Und diesen Idealismus, soweit er auch an einen Fortgang oder Fortschritt oder, was dasselbe ist, an einen Sinn der Menschheit glaubt, können, meine ich, weder Untersuchungen und Vermutungen über das fernste natürliche Werden dieser Menschheit in der Vergangenheit noch über ihr vielleicht schließliches Schicksal in der Zukunft unmittelbar berühren. Dieser praktische Idealismus hat sich für die entlegenste Vergangenheit lange vertragen mit der Idee, daß die Menschheit zu Anfang der Dinge in einem lichten Sonnengarten schon einmal im ganzen Glück gewesen sei und daß sie dann erst durch ein Verhängnis auf diesen langen, langsamen Arbeitsweg erst wieder von Nacht zu Licht gebracht worden sei; er hat sich damit vertragen, weil auch so doch der praktische Weg durch Nacht zu Licht für ihn blieb und die sittliche Tat eine Fortschrittstat darin blieb, einerlei, wie es nun zu Anfang gewesen war. Er verträgt sich aber meines Erachtens auch damit, wenn heute der Naturforscher ihm zu zeigen[7] versucht, daß dieses langsame Heraufringen und Herauftasten wahrscheinlich noch viel weiter gegangen ist; daß der Mensch selber erst eine Stufe darin war, die in mühsamer Entwickelung erkämpft werden mußte und hinter der schon eine lange, lange Kette natürlicher Werdegestalten noch unterhalb seiner Bildung heraufkam. Am Trost seiner Arbeit kann es ihm wohl kaum rütteln, daß diese Arbeit noch viel tiefer begonnen hat in der Natur, noch viel mehr überwinden mußte und doch zu dem immerhin gekommen ist, was wir heute haben. Im übrigen würde er aber auch auskommen, vertrauen und seine Arbeit tun, wenn er von all diesen entlegenen Dingen nichts wüßte.
Und so und nicht anders steht es mit ihm auch bei der Zukunft der Menschheit. Es genügt ihm, daß sie zunächst vor dem einzelnen weiter dahinflutet, aller Art zäher Lichtarbeit in ihrem Dunkel auch weiter voll. Zu gewissen Zeiten hat dieser praktische Idealismus seine Arbeit getan und seinen Menschenglauben und Menschheitsglauben und Lichtglauben bewährt, obwohl er hörte, es wären dem Wiederaufwärtsringen der Welt nur noch tausend Jahre angesetzt. Man weiß, wie die früheren christlichen Jahrhunderte unter diesem Druck gestanden haben. Als die Tausend aber um war und die Welt doch noch stand ohne Termin, hat der schlichte Tatidealismus einfach rüstig weiter geschafft, auch damit. Und er würde schaffen, wenn ihm heute wieder mit zwingendem Schluß bewiesen werden sollte, daß auch die natürlich gewordene Menschheit nach natürlichem Gesetz in Billionen oder wieviel Jahren wieder in den tieferen Schoß der Natürlichkeit und Naturarbeit irgendwie zurückgenommen werden müßte. Wir haben ihn uns doch errungen aus dem kleinen Bruchstück unseres armen Menschenlebens, – aus dem winzigen Zuge zum Licht, der in diese Armut hineinbrannte. Wir haben dieses kleine Menschenleben dann angeschlossen an die Arbeit der Menschheit als ein Größeres. Nun, ist auch diese Menschheit zuletzt nur ein Bruchstück, so werden wir den Glauben nicht verlieren. Auch sie ist dann nur wieder ein Symbol gewesen eines wohl noch Umfassenderen, das wir vielleicht im kosmischen Zusammenhang ahnen, wenn zu dieser Menschenerde heute der nächtliche Sternenhimmel mit seinen tausend und tausend Weltenaugen herniederbrennt, – der aber vielleicht selber auch nur noch ein Gleichnis des ganz Unbeschreiblichen ist.
[8]
Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie viele es sein sollen, – immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.
Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts, noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.
»Ja diesem Sinne bin i

Es ist wertvoll, das leichte Schifflein unserer Fahrt zum Menschen der Zukunft zunächst von diesem sicheren Hafen ausgehen zu lassen. Eine gewisse Gewähr gibt er, daß wir heimfinden um jeden Preis. Inzwischen ist aber gewiß, daß, wenn wir uns schon auf die blaue oder graue Weite dieses fernen Meeres hinauswagen sollen, heute ein ganz bestimmter Leuchtturm da draußen uns zunächst am besten leiten kann. Vielerlei Utopien lassen sich ja auf schmuckem oder schwarzem Segel dort hinaustreiben. Alle Weltanschauungen lassen sich einschiffen, goldene wie gallige. Es gibt keinen technischen, keinen sozialen, keinen ethischen Lieblingswunsch von heute, der nicht dort schon verwirklicht gesehen worden ist, – von den Träumen, daß alle Menschen zu essen haben, bis zu den Menschen, die mit unendlich vervollkommneten Apparaten Wellen auffangen, mit denen die Bewohner anderer Weltkörper zu ihnen reden, oder die selber durch die Sterne reisen. Und es gibt auch keine Angst, die sich nicht schon in einer kalten Nacht dort begraben hätte. Alle diese Wege haben gewiß ihren Wert in ihrer Weise, denn wie der praktische Idealismus, so hat auch die kühnste Phantasie ihre gewaltige Bedeutung, die nur ein ganz Unkundiger verkennen mag. Die Phantasie ist einst vor Kolumbus her auch über den wirklichen Ozean gefahren, und es gibt keinen Wirklichkeitssieg, an dem sie nicht irgendwie still vorschaffend und begeisternd beteiligt gewesen wäre. Selbst wenn sie bange Bilder baut, ist sie ein strenger Zuchtmeister gegen das allzu Bequeme, – wenn sie aber ins Licht malt, was[10] wir vielleicht durch eigene Kraft noch mehr aus uns machen könnten, ist sie ein heiliger Apostel der Tat zum Ideal. Das alles wohl in Ehren, wollen wir aber so hohen Flug zunächst doch einmal nicht nehmen, – wollen vielmehr sozusagen etwas mehr von unten anfangen, statt von oben. Wir wollen für unsere Zukunftsfrage nicht davon ausgehen, was etwa noch einmal ganz Neues und Überraschendes aus dem Menschen werden könnte; sondern wir wollen dabei beginnen, was er eigentlich heute ist, – mit seines Schicksals Sternen in der Brust. Und hier erscheint ja eines heute vorweg geklärt.
Seit rund fünfzig Jahren, wenn wir sie mit Darwin anfangen lassen wollen, haben wir jetzt mindestens die große neue Weisheit und Wahrheit in der Welt: daß der Mensch in natürlichem Wachsen und Werden aus der Entwickelungsstufe der organischen Wesen, genauer der Tiere, herausgekommen sei. Man kann den Gedanken auch deutsch und dann schon vor etwas über hundert Jahren anknüpfen, denn damals war er bei uns schon im stillen spruchreif; damals hatte der alte Kant die Idee einer natürlichen Entwickelung in ihrer Anwendung auch auf lebendige Wesen (von Sternsystemen hatte er sie selber gelehrt) als ein »gewagtes Abenteuer der Vernunft« bezeichnet; eben dieses Abenteuer aber vermaß sich kein Geringerer als Goethe ausdrücklich schon zu bestehen, wobei die Nutzanwendung auch auf den Menschen nur eine unvermeidliche Folgerung sein konnte. Jedenfalls aber ist heute über den Beweis der großen Sache im Ganzen naturwissenschaftlich kein Zweifel mehr. Man streitet sich mit gutem Recht noch über Methoden der Entwickelung, nicht aber über sie selbst; und wenn man sie für Pflanzen und Tiere zugibt, kann man den Menschen nicht wohl ausschließen, seit schon der alte fromme Linné schlicht der Wahrheit die Ehre gegeben hatte, daß das Menschenwesen naturgeschichtlich eine Säugetierart sei. Zuletzt ist noch Hader über das Wörtchen »natürlich«, von dem viele noch meinen, es schließe ihr tiefer vertrautes »göttlich« aus; wozu aber auch eben Goethe doch wohl schon das Entscheidende gesagt hat: daß, wer sein Göttliches im rechten Sinn in allem suche, was da ist, es zuletzt auch im Natürlichen finden müsse. Was immer wir über den Menschen der Zukunft uns denken: mit dieser Grundtatsache also müssen wir heute rechnen, von ihr müssen wir ausgehen. Nun aber mit ihr müssen wir uns doch noch ein Zweites klar vor[11] Augen stellen, das mancher nicht so deutlich heute zu sehen pflegt, grade wenn er das andere noch so fest unter seine Überzeugungen aufgenommen hat.
Man sagt sich wohl: seit Kopernikus uns gezeigt hat, daß unsere Erde nicht die Achse des Weltenrades ist, sondern als Stern zwischen Sternen geht, und seit wir durch Darwin wissen, daß der Mensch einst vom Tier gekommen ist, – so mag uns nun diese Erde recht nur ein gleichgültiges Stäubchen sein und der Mensch eine beliebige belanglose Tierart neben anderen. Mancher hat geglaubt, das in möglichst herabsetzender Form als eine Art stiller Entsagung in sein Weltbild aufnehmen zu müssen. Richtig aber ist es deswegen nicht. Wenn es richtig wäre, hätte ja auch unsere ganze Zukunftsbetrachtung, die Betrachtung der Zukunft von etwas so Gleichgültigem, von Anfang an wenig Zweck.
In Wahrheit ist diese Erde – selbst wenn wir den Naturforscher einmal bloß als prüfendes Auge auf ihr gelten lassen und vergessen wollen, daß er doch selber auch zu Erde und Menschheit mit Heimatsgefühl gehört, – in Wahrheit ist sie das große Beispiel für uns, an dem wir die wunderbare überbietende Naturstufe des Lebens kennen lernen, diese höhere Stufe, die alles bis dahin von der Natur Geleistete und Sichtbare noch einmal weit hinter sich läßt. Mögen wir annehmen, daß auch dieses Leben seine Wurzel zuletzt in dem allgemeinen tieferen Untergrund der Natur habe. Mögen wir ahnen, daß auch diese Lebensstufe eine kosmische Stufe der Entwickelung sei, die auch sonst tausend- und tausendfach im All erreicht wird nach gleichem Gesetz. So ändert das doch nichts an der Gewalt und dem Reichtum des großen Lebensvorgangs selber und ändert auch nichts daran, daß es für uns eben die Erde ist, die ihn uns offenbart. Wenn auch der Mensch tatsächlich nichts anderes wäre, als bloß ein Teil dieses Lebens auf Erden, dieser Lebensstufe der Natur, so wäre es schon ein Großes auch um ihn, denn nicht auszusagen sind die Leistungen und Geheimnisse, die uns diese Welt des Lebendigen alle Tage noch neu bietet, je tiefer wir mit unserer Forschung in sie einzudringen suchen. Wie in ganze neue Sternsysteme, bloß von noch höherer Ordnung und Einheit, schauen wir hinein selbst in die kleinsten Teilchen des vom Leben erfüllten Stoffs, in die einfache Zelle mit ihrem Wunderbau, in die verwickelten Staaten dieser Zellen, in all ihre geheimen Selbstregulierungen und unendlichen Gestaltungs-,[12] Umgestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten, – gewiß, daß wir überall erst bei den Anfängen einer wahren Einsicht in diese belebten Systeme stehen, die den ungeheuren Ball unserer Erde nur wie ein zarter Duft seiner Oberfläche überziehen, beständig zu zerfließen, zu vergehen scheinen und sich doch ebenso beständig wieder herstellen, seit so viel Jahrmillionen im ewigen Fluß und doch unzerstört, in unendliche Formen zerspalten, Individuen geteilt und doch auch wieder in ihren Gesetzen ein einheitliches Wesen, das von grauen Urtagen sich heraufringt und in allem Wechsel behauptete bis heute.
Nun aber ist die weitere Wahrheit, daß der Mensch, wie er uns gegenwärtig vor Augen steht auf der Erde und wie wir selber aus seinen hellen Augen heraus schauen, keineswegs bloß eine beliebige Probe und Dutzendarbeit wieder dieses Lebens ist. Auch er ist vielmehr innerhalb und jenseits der Entfaltung des irdischen Lebensbeispiels noch einmal ersichtlich eine ganz besondere neue Stufe der Naturmöglichkeit im steigernden Sinne, – entsprungen aus der tieferen allgemeinen Lebensschicht nach natürlichem Gesetz (daran halten wir ja auf alle Fälle fest), aber in einer ganzen Reihe wesentlichster Punkte nochmals über alles weit hinausgewachsen, was selbst das vollkommenste Leben vor ihm zusammengenommen geleistet.
Deutlich sehen wir ja noch (und das Sehen nach dieser Seite war eben die große Errungenschaft der Darwinschen Schule), wie der Mensch auf der einen Seite noch immer in den Linien dieser niedrigeren Lebensleistung hängt. Auch sein Leib baut sich auf aus jener rätselreichen Systemeinheit des ursprünglichen Lebens, der Zelle. Wenn auch er nach dem alten Lebensgesetz seinen Körper individuell immer wieder neu aufbaut, gleichsam immer wieder an früherer Flamme zu neuer anzündet (das Bild hat eine tiefere Bedeutung, denn in der Tat hat das Leben zur sich selber verzehrenden und wieder ersetzenden Flamme einen geheimnisvollen Bezug), so geht er dabei von einer zeugenden Einzelzelle durch Teilung zur Vielheit, deutlich so beweisend, daß auch in ihm der uralte Weg steckt von der bakterisch einsamen Zelle zum Zellenstaat. Ganz genau prägt sich in seinen einzelnen Organen dann ab, durch wieviel Hauptstationen des großen Lebensweges auch er noch weiter mitgegangen sein muß. Seine chemische Körperarbeit verrät, daß er einst die Wende mitgemacht hat von der Pflanze zum Tier. Sein Magen zeigt, daß er durch den allgemeinen Urgrundriß des höheren Tiers gegangen ist,[13] mit seiner Wirbelsäule, die das Rückenmark trägt und schützt, muß er die Straße des Wirbeltiers berührt, mit seiner Lunge den Fisch überwunden, mit seinem Warmblut und der Gebärmutter und Brust seines Weibes die Station des Säugetiers durchschritten haben. An seiner Hand haften noch die Züge des Kletterorgans, während sein Fuß fast wie unfertig erstarrt erscheint auf der Stufe zwischen solchem Greiforgan und der neuen eines aufrechten Ganges. Man glaubt den geschichtlichen Moment noch ungefähr zu ahnen, wo er zuerst mit all diesen Merkmalen äußerlich fertig dastand, – noch in dem älteren, sehr warmen Teil wohl der Tertiärzeit, nicht allzufern den letzten großen Gabelungen des Säugetierstammbaums. Manche Kleinigkeit ist damals noch urtümlich an ihm geblieben, wie sein Gebiß. Er beteiligte sich an einem Schwund der Nase, doch lange nicht so weit wie die höchsten Affen. Mit Schwanz und Spitzohr fiel gleichsam der Satyr noch von ihm ab, der Waldpan, ohne daß er doch kleine Zeichen auch davon je ganz verloren hätte. Rätselhaft verschwand ganz zuletzt noch sein Haarkleid, er wurde wirklich nackt wie im Paradiese.
Alle diese Züge geben den unzweideutigen Anschluß nach unten, an die große übrige Lebensschicht. Keiner aber würde noch darüber hinaus führen. Auch die höchsten Wirbeltier- und Säugetierzüge geben nur eben Züge eines einzelnen stark spezialisierten Astes im Stammbaum der Tiere, der neben andern dort steht. Nichts tritt in Gegensatz zu allen Tieren bisher, allen andern Lebewesen überhaupt. Aber wir alle wissen auch, daß der Mensch nicht erschöpft, nicht fertig beschrieben ist mit diesen Zügen allein. Und die andere Seite beginnt bei dem uns allen ebenso geläufigen Satz: der Mensch steht geistig turmhoch über jedem Tier. Mit diesem Satz müssen wir uns aber noch einen Augenblick beschäftigen, um ihm den ganz richtigen Sinn zu geben.
Es ist zunächst nicht so, daß etwa der Mensch bloß Geist hätte und selbst die ihm nächsten Tiere nur geistlose Maschinen wären. Mit dieser Auslegung ist vielfältig der außernatürliche Zusammenhang des Menschen zu begründen versucht worden, es gibt aber immerhin auch Naturforscher, die sie naturwissenschaftlich für möglich halten. Ich glaube aber, daß sie kaum ernsthaft widerlegt zu werden braucht. Man kann sie sich in der Studierstube aushecken, jeder praktische Tierkenner aber wird über sie lächeln. Er weiß, daß eine Unmenge geistiger Regungen – Leidenschaften, Freude und Schmerz, die verschiedenartigsten[14] Gemütsbewegungen – bei unsern Hunden, Pferden, Affen so vollkommen den gleichen Ausdruck finden wie bei uns, daß jeder Zweifel voreingenommene Künstelei bleibt. Wenn die Behauptung aufgestellt worden ist, der Ausdruck sei beim Tier zwar der gleiche wie bei uns, wir hätten aber keinen Anhalt dafür, daß auch dort wirklich Gefühle dahinterständen, so tritt die Spitzfindigkeit wohl genügend hervor, um sich selbst zu widerlegen.
Die allgemeinen Anzeichen für Empfindungsprinzipien gehen aber durch die gesamte Welt des Lebens bis zu ihren Anfängen hinab, und auch in jeder allereinfachsten Empfindung liegt schließlich im Kern bereits das ganze Geistige, wie ja jede Empfindung auch schon ein einfaches Bewußtsein voraussetzt, von dem etwas »empfunden« wird. Also in diesem Sinne hat der Mensch zweifellos auch seinen Geistesodem schon auf tiefster Urstufe mit eingeblasen bekommen, sofern es sich nur um Geistiges überhaupt handelte.
Nun könnte man aber weiter meinen, der menschliche Geist stelle bloß eine gewisse Spezialisierung und Häufung des tierischen Geistes dar. Bekanntlich sehen wir bei gewissen Tieren selbst schon Geistesorgane, Gehirne, auftreten, die auch dort auf ziemliche Häufung nach dieser Seite schließen lassen, so bei Insekten und in anderer Gestalt bei Wirbeltieren. Ein Affengehirn sieht einem Menschengehirn schon überaus ähnlich, und wenn man diese beiden Gehirne bloß vergliche und sonst vom Menschenwesen als Tat nichts wüßte, so würde man ja wohl raten, daß dieses Geschöpf mit dem noch ein Teil größeren und verwickelteren Gehirn wohl noch etwas mehr Geisteshäufung bewähren müßte, aber im übrigen doch nur glatte Fortsetzung ohne Änderung wäre. Die wirkliche »Tat« des menschlichen Gehirns aber erweist uns, daß auch das so nicht richtig ist.
In das menschliche Gehirn ist zwar nicht etwas Übernatürliches eingefahren, aber es hat ein ganz bestimmter Systemwechsel darin stattgefunden, den der einfache Begriff der Häufung nicht enthält. Das ist kurz so zu verstehen.
Jeder von uns, der sich mit Tieren beschäftigt und sich im erwähnten Sinne darüber verständigt hat, daß auch bei ihnen Geistesleben vorhanden ist, kennt doch auch eines in diesem Geistesleben des Tieres. Neben jenen unmittelbaren Empfindungsäußerungen, Leidenschaften, Gemütsbewegungen gewahren wir eine Überfülle geistiger Betätigungen, die wie allervorzüglichste Verstandesschlüsse[15] aussehen, fabelhaft glücklich das dem Tier nützlichste durchführen, dabei aber tatsächlich vom betreffenden Tier weder gewählt noch erlernt werden, sondern ihm bereits angeboren, als felsenfeste Richtlinien zwangsweise mitgegeben sind. Es sind die allbekannten Triebe, Instinkte des Tiers. Jedes Tiergehirn ist bereits bei der Geburt mehr oder minder stark über und über beschrieben mit den festen Gleisen solcher Instinkte. Durch sie schwimmt, um mit Weismanns gutem Wort ein Beispiel zu geben, »das Entchen sofort auf dem Wasser, das eben aus dem Ei geschlüpfte Hähnchen pickt nach Körnern, die auf dem Boden liegen, der Schmetterling, der gerade erst aus der Puppe gekrochen ist, weiß sofort, nachdem seine Flügel getrocknet und erhärtet sind, sie zum Fluge zu gebrauchen, und die Raubwespe kennt ungelehrt ihr Opfer, eine Heuschrecke oder ein anderes bestimmtes Insekt, weiß es zu überfallen, durch Stiche zu lähmen und zweifelt dann keinen Augenblick, was sie ferner tun muß; sie schleppt das Opfer in ihren Bau, bringt es dort in eine der Zellen, die sie vorher schon für die künftige Brut hergerichtet hat, legt ein winziges Ei darauf und deckelt dann die Zelle zu.« Der größte und wesentlichste Teil der tierischen Geistesleistung wird durchaus und nur von solchen Instinkten beherrscht, ist eingesperrt in ihren Mechanismus, so daß man sie recht eigentlich als das grundlegende geistige System aller Lebewesen unterhalb des Menschen bezeichnen kann.
Vielerlei Deutungen gibt es bekanntlich, wie dieses zweckmäßige Instinktsystem, das als Intelligenzarbeit im Erfolg wirkt und doch nicht Intelligenz des Einzelwesens ist, entstanden sein könnte. Es sitzt wie eine geheimnisvolle Brille auf dem Tier, durch die es das Rechte sieht und die es doch nicht selber machen kann, – wer hat sie also gemacht? Gottes Intelligenz, meinen die einen, hat sie dem einfältigen Tier aufgesetzt. Andere haben doch immer wieder an wenigstens ursprüngliche Intelligenz, Lernen und Gewohnheit der betreffenden Tierart gedacht, deren Erfolg allerdings nachher rein automatisch vererbt worden wäre. Die Möglichkeit, daß sich Gewohnheiten vererben könnten, ist wieder von Dritten bestritten, von noch andern aber doch auch wieder verteidigt worden. Zu leugnen ist aber nicht, daß der Zurückführung der verwickelten Instinkte besonders niederer Wesen auf irgendeine entsprechende ursprüngliche Intelligenz dieser Wesen selbst wirklich Unendliches im Wege zu stehen[16] scheint. Und so ist wohl die wenigstens gangbarste Naturforschermeinung von heute, es möchte hier geistig hergegangen sein, wie bei der Entstehung so vieler Schutzanpassungen und nützlichen Organe am Leibe der heutigen Tiere, die sie sich doch auch nicht selber an den Leib gesetzt hätten und doch heute von Geburt an mitbekämen: gewisse nützliche Triebe seien immer einmal wieder zwischen anderen im Verfolg des großen Hin- und Hervariierens aller Lebensdinge aufgetaucht, und die habe dann die natürliche Auslese im Kampf ums Dasein nach dem Darwinschen Zuchtwahlgesetz begünstigt, ausgelesen und endlich mehr und mehr fest gemacht.
Mag die Ursache aber sein, wie sie will: jedenfalls herrscht dieses eigenartige Instinktsystem heute auf der ganzen außermenschlichen Lebensbreite. Seit undenklichen Zeiten hat es offenbar die Dinge dort in seiner Weise glänzend getragen und sich zu immer höheren Leistungen in seiner Linie gesteigert, – man denke nur an seine schier fabelhafte Vollendung im Stamm der Insekten, wo es fast alle Wunder einer Art Kultur im kleinen vor Augen zaubert, – Tiere, die riesige Staaten bilden, in selbstgebauten Städten wohnen, eine unsagbar verwickelte Staats- und Jugendpflege üben, in feste Kasten geteilt sind in ihrem Volk, Ackerbau und Viehzucht treiben, und das alles doch unter dem Zepter des Instinktsystems, das jeden Teilhaber vom ersten Moment seines Lebens als festen Statisten lenkt. Immerhin wird man aber auch die Schäden und Gefahren des Systems sehen. Je mehr es sich durchgesetzt hat, desto mehr gibt es den Lebewesen überall auch geistig etwas Erstarrtes, ein Einerlei mit unendlicher Zerspaltung, aber keinem rasch möglichen Fortschrittsanschluß, es liegt, obwohl Geist vorhanden ist, doch noch einmal wie eine ungeheure starre Maschine über diesem Geist. Unsagbar umständlich wurde jede Umstellung dieser Maschine, immer tiefer herabgedrückt das Einzelwesen, das doch von der Zelle an die Naturentwickelung sorgsam sonst herausgearbeitet. Da war es nun eben die Leistung des Menschenwesens, mit diesem System in entscheidender Weise zu brechen. Abgewischt erscheint im Menschengehirn die Gesetzestafel der Instinkte, – auf dem leeren weißen Blatt aber waltet als herrschend die freie Verstandeswahl des Intellekts, der lernt, beobachtet, schließt und sich entscheidet.
Man muß ja auch dafür nicht eine Wurzel im Nichts suchen. Wer seine Tiere beobachtet, der merkt ganz genau, sofern er nicht bloß[17] Papierweisheit hineinschaut, daß auch dort schon gewisse Spuren wirklichen Intellekts neben allen starren Instinktgleisen hergehen, er merkt gelegentliche Zeichen schon dort von gewissen individuellen Verstandesschlüssen, von Wahl und Lernen. Aber das alles liegt doch wie fast verschüttet, es geht eben nur auf dem winzigen Außenspielraum hin, den der allmächtige Instinkt läßt. Das entscheidend Neue des Menschen aber ist, daß das, was dort schon als gelegentlicher kleiner. Handlanger nebenher läuft, hier durch einen vollkommenen umwälzenden Systemwechsel auf den Thron erhoben wird. Man muß auch ebenso nicht sagen: der menschliche Intellekt war nun absolut frei. Ganz frei ist zuletzt in der Natur überhaupt nichts, denn das große Kausalgesetz, in dem Himmel und Erde hängen, dieses wahre Schöpfungs-Urgesetz, ohne das innerhalb des Alls kein Stäubchen fällt und kein Gedanke geht, bestimmt natürlich auch die Verstandeswahl. Aber der große Gegensatz von Verstandesherrschaft zu Instinktherrschaft bestand und besteht tatsächlich in einem Gegensatz von Freiheit und Zwang. Der Instinkt schrieb wahllos Gut und Schlecht vor. Der Intellekt sieht Gut und Schlecht und wählt nach Verstandesschluß. Und in dieser Systemfrage ist der Mensch auf der entscheidenden Wende seiner Entwickelung, man kann wohl sagen im Augenblick der eigentlichen Menschwerdung, nach dem System der Freiheit hinübergegangen. Darin hat der symbolische Gedanke der biblischen Schöpfungsmythe durchaus recht: die Krisis des Menschenschicksals – mag man in ihr nun einen Schritt auf dem Wege von Nacht zu Licht sehen oder den ersten Akt einer großen Tragödie, – lag in diesem Augenblick der Freiheit, da Gut und Böse selbst gesehen wurden.
Es ist ja im übrigen jedenfalls nicht bloß ein Augenblick gewesen, und an der feineren Durchführung hat in gewissem Sinne offenbar noch die ganze Kulturgeschichte bis heute gearbeitet. Die Wehen des Übergangs werden auch nicht leicht gewesen sein. Von einem Gängelbande, das bisher Gut und Schlecht wenigstens in einem gewissen grob praktischen Sinne ohne Erörterung gegeben hatte, losgelöst, mußte das entschiedene Intellektwesen jetzt erst bewähren, ob sein Intellekt stark sein werde, dauernd auch zum Guten zu kommen. Die Qual der Wahl mußte sich einstellen, die Möglichkeit des Irrtums eben wegen der Freiheit, die Verlockung der »Sünde«, die in der Abweichung von dem allgemeinen Nutzen für die Art bestand. Hier[18] muß schon früh das schwerste Kapitel der menschlichen Entwickelung durchgekämpft worden sein, von dem uns alte Knochen, auch wenn wir ihrer noch so viele zuletzt finden mögen, niemals etwas erzählen können, während im tiefsten Ideengehalt der Menschheitsüberlieferung immer doch eine gewisse Erinnerung daran geblieben ist, die dann symbolische Formen annahm. Vom Ausgang als Gottesurteil aber mögen wir nachträglich sagen, daß der Intelligenzweg, wenn er die Kraft fand, sich einmal bis zu einer gewissen Höhe über die Krisis des Systemwechsels im Übergang hinaus durchzusetzen, im ferneren die unvergleichlichsten Fortschrittsmöglichkeiten mehr eröffnen mußte über alles hinaus, was der Instinkt je hatte leisten können. Wenn man darwinistisch auch hier von der Konkurrenz von Varianten sprechen will, so war die Variante »freier Intellekt« zweifellos, einmal bis zu gewisser Macht durchgekämpft, die allerbeste. Das errungene Gute als Wahlbesitz ist, man mag sagen was man will, ein ganz anderer Wert als das Gute als blinder Zwang, – das erleben wir noch heute als den Kern wirksamen Menschentums alle Tage, – wir erfahren es, wenn ein seiner Aufgabe frei bewußtes Heer gegen eine Masse steht, die bloß die Knute treibt, und wir wissen, daß es die Grundlage aller echten Erziehung ist. Dieses »Erwirb es, um es zu besitzen« zieht die Persönlichkeit jedes einzelnen eben ganz anders heran und hinauf, stellt ihre ureigenste Kraft und Leidenschaft jeden Augenblick ganz anders mit ins Spiel. Auch das Tier hatte schon Gemütserregung, Leidenschaft besessen, und in ihr blieb auch der Mensch; aber sie schloß sich jetzt wie ein nährendes Feuer an die Arbeitsenergie an, während sie im Instinkt zum größten Teil wertlos nebenher flackerte. Und die Wahl konnte zugleich stets beweglich und selbsttätig abändernd grade aus zum Besseren gehen, während jeder Zwang zugleich eine Fessel ist, die am Fortschreiten hindert. Nehmen wir wirklich einmal an, daß das Nützliche auch auf der ganzen Instinktlinie bisher der langsamen natürlichen Zuchtwahl verdankt wurde, so nahm die Intelligenz des Menschen das Nützlichere jetzt fortan unmittelbar in Angriff. Das wirklich Ungeheure vollzog sich: – daß ein Wesen die Zuchtwahl ausschalten konnte und doch zum Nützlichen kam. Der Mensch verkürzte den Weg ums Unendliche, ging mitten aufs Ziel. Was der Intellekt stets seinem Wesen nach sein muß: zwecksetzend, – das wurde jetzt Angelpunkt des ganzen neuen Systems. Und mit dieser Wende war jetzt wirklich[19] etwas gegeben, das uns berechtigt, von einer neuen Stufe über alle bisher geleistete Lebensarbeit hinaus zu sprechen. Denn hier handelte es sich nicht mehr um eine Eigenheit im Tier neben Tieren. Hier war etwas durchgesetzt, das kein Tier, kein Lebewesen überhaupt hatte. Einmal die Herrschaft des unmittelbar zwecksetzenden Intellekts gegenüber dem starren angezüchteten Instinktsystem durchgesetzt, ergaben sich notwendig die weiteren großen Folgen, die nun wie eine ungeheure Mauer binnen kurzem zwischen allem Tierwesen und Menschenwesen aufwuchsen, so riesengroß aufwuchsen, daß es viele Jahrtausende gebraucht hat, ehe der Menschenintellekt selber wieder begreifen konnte, daß auch das Menschenwesen vor seiner entscheidenden Schicksalswende einmal hinter jener Mauer drüben gewesen war.
Der nächste Schritt war der bekannte vom Organ zum Werkzeug. Auch hier handelte es sich um einen grundlegenden Systemwechsel, allerdings abhängig von dem andern. Wie geistig in das Netz seiner Instinkte, so sehen wir körperlich das Lebewesen unterhalb des Menschen zu seinem Schutz, seiner Angriffswaffe, seiner tausendfältigen Bestehung des Lebenskampfes angeschlossen an das Prinzip des angewachsenen Schutz- und Trutzorgans. Das Raubtier führt seine Waffe als Kralle und Zahn, das Gürteltier seinen Panzer als solide Leibesverknöcherung, das Schwimmtier hat seinen Körper in Bootsgestalt mit Ruder- und Lenkflossen umgewandelt, der Vogel seinen Flügel zum Flug aus Vorderbein und Federschuppe organisch gewonnen. Man weiß, wie weit auch das gegangen ist, bis zu was für Wundern an Nützlichkeit es so schon im Bereich der Pflanzen allenthalben gediehen ist. Seit je hat man es bestaunt wie die Prachtleistung eines intelligentesten Mechanikers, allerdings hineingearbeitet in lebendiges Zellgewebe, in Fleisch und Bein. Nach Darwins Schule ist es aber wesentlich auch nur das Ergebnis zwangsweiser allmählicher Naturzüchtung. Die Intelligenz des Einzelwesens hat es nicht bewirkt. Jeder Wesensform von den untersten an bis zum höchsten Tier sind ihre Schutz- und Nutzorgane zwangsweise auf den Leib gezüchtet worden. Dabei hat eine unendliche Zersplitterung[20] stattgefunden. So und so viele Tierarten sind nur dem Wasser, so viele der Luft angepaßt worden, das Raubtier ist nur Raubtier, das Nagetier nur Nagetier, der hat den Huf und jener die Kralle, der die Flosse, der den Flügel bekommen. Durchweg aber ist keine weitgehende Vielseitigkeit, kein rascher Wechsel mehr möglich. Schließlich sieht man doch auch hier überall auf gewisse erstarrende und hemmende Grenzen des Organsystems über eine gewisse Vollendung hinaus. Der Körper kann nur das eine oder andere Organ aufnehmen, nicht alle zugleich. So zeigt sich als Ergebnis des Systems im Tier-, Pflanzen- und Einzellerreich nicht ein letztes Lebewesen, das durch Besitz aller Organe allem bestmöglich gewachsen wäre, sondern unzählige Teilformen beleben wie abgeschnittene Stücke selbsttätig und vielfach miteinander in Zwist jede nur ihr eigenes Gebiet, das Kraft: und Schutzbereich ihres Organausschnitts. Nicht das Tier bleibt zuletzt übrig als Herrscher im Lebensspielraum der Erde, sondern fast eine halbe Million verschiedener Tierarten in ebensoviel starren Einzelanpassungen ihrer Organe verteilen sich über die Fläche. Aber ebenso begrenzt sich auch selber die Kraft des einzelnen Organs, da es ewig von jedem Wesen am eigenen Leibe mit herumgeschleppt, ja bei jeder Neuzeugung des jungen Geschöpfs ganz wieder neu herausgearbeitet werden muß, eine unendliche Verengung und Verzögerung. Und nun auch demgegenüber der Mensch.
Auch er kommt mit seinem Leibe aus der Organschöpfung heraus, auch er mit einem gewissen noch einseitigen Organkörper, der z.B. einseitig für das Land bestimmt ist, unter Wasser versagt, keine Flügel besitzt. Ganz zuletzt hat er ja noch einige gewiß sehr bedeutsame eigene Organfortschritte erlebt, wie den Umbau des Fußes für den aufrechten Gang, des Kehlkopfs zur Sprache. Im übrigen aber ist er doch wohl mindestens seit der älteren Diluvialzeit mit diesem seinem äußeren Organleibe im wesentlichsten und bis auf kleine Spezialpunkte (wir reden noch davon) bis heute starr so stehen geblieben, ohne daß sich an seinen angewachsenen Hilfsorganen etwas verändert hätte, ohne daß ihm etwa seither zur Erweiterung seines Erdgebiets Flügel oder Flossen gewachsen wären. Die Phantasie hat ja nicht geruht, sich Menschenleiber mit Flügeln und Flossen auszumalen, und noch heute gibt es Menschenkinder, die meinen, die Zukunftsentwickelung des Menschen läge bei solchem Rückpfuschen ins Vogel- oder Fischgebiet. Grade dabei ist aber nicht[21] gefaßt, was der Mensch eben auch wieder grundlegend anderes hier hinzu gebracht, – wie er nämlich in der Zeit seit damals auch die ganze Schutz- und Trutz- und Anpassungsfrage auf ein ganz und gar neues System für sich gebracht hat: nämlich eben das des Werkzeugs. Tote, fremde, außerorganische Stoffe hat er sich herangeholt, Stein, Holz, Metall und was weiter, und umgeschaffen, sich zu Hilfen umgeschaffen für seine Zwecke; außen laufende Energien hat er für sich zur Arbeit gezwungen. Wohl, einigermaßen tat das ja das Leben immer auch in seiner Körperbildung und Organbildung von der ersten Zelle an: es fraß sich gewissermaßen hinein in fremde Stoffe und Energien, baute und trieb mit ihnen sein Wunderwerk des lebendigen Zellenleibes und warf das Unbrauchbare immer wieder fort in die tote Welt zurück. Der Mensch aber läßt die Stoffe wie Kräfte draußen für sich arbeiten, packt sie sich nicht innerlich auf, »organisiert« sie bloß in einem bedingten Maße. Er schneidet mit dem Messer, anstatt mit dem eigenen Zahn, schwimmt auf dem Schiff, taucht in der Taucherglocke und fliegt im Ballon und Flugzeug. Auch für diesen Weg schaltet er die langwierige Arbeit der Zuchtwahl aus, geht er unmittelbar auf den Zweck, den Zweck der immer besseren Leistung im graden Weg.
Und unerhört, was dieses neue Prinzip nun auch hier mehr leistet. Da das Werkzeug eben trotz seiner Vergeistigung zum Zweck äußerlich bleibt, nicht von jedem Einzelkörper beständig geschleppt, auch nicht mit jedem Kinde neu gezeugt und geschaffen werden muß auf die Dauer, konnte der Mensch jetzt wirklich vom Einzelwesen aus die universale Anpassung wieder erstreben, konnte in Eins wieder zusammenholen, was in den mehrhunderttausendfachen Tierarten zersplittert worden war. Er blieb nicht ein Geschöpf unter vielen, sondern seine Technik eroberte Stück für Stück die Fähigkeiten aller, eroberte sozusagen in ungeheurer Siegesbahn die ganze Lebensmöglichkeit seit Urtagen wieder auf einen Punkt zurück. Und dann eben leistete er mit seinem System noch weit mehr aus dieser Möglichkeit heraus, als je dort erreicht worden war. Man denke an die Linsen eines Riesenteleskops gegenüber auch dem besten Adlerauge (lächerlicherweise hört man bisweilen, wenn jener oben gestreifte Standpunkt vertreten wird, der Mensch sei so sehr bloß ein beliebiges und nicht bestes Tier neben Tieren, daß er bis heute noch nicht einmal so gut sehen könnte wie der Adler!), an das Erdnetz unserer Kraftdrähte[22] gegenüber dem Nervensystem tierischer Körper und der armseligen Ausnutzung elektrischer Kräfte dort, an Telegraphie ohne Draht, wofür das ganze untermenschliche Leben überhaupt keinen Vergleich hat, an die Leistungen einer Sprengmine gegenüber der Stoßkraft eines Hornes oder einer Faust; doch was bedarf es der Beispiele. Mit diesem System des Werkzeugs hat der Mensch, nachdem das Prinzip der Freiheit ihn innerlich neugeboren hatte, äußerlich die Erdherrschaft angetreten, – von dem vielleicht frühesten Augenblick an, da er der inneren organischen Blutheizung des Säugetiers, die auch in ihm arbeitete, als Überbietung die künstlich erzeugte Herdflamme gegenüberstellte, bis zu den Siegen unserer Technik, die längst nicht mehr bloß abwehren, bloß »anpassen« im alten Sinne; sondern die zum Angriff gegen die ganze Erde vorgehen, daß sie für uns blühe und fruchte, unser Reich werde, durchgeistigt bis in den Quell, den das Tier durchschwamm auf den kleinen Raubzügen seiner Nahrungssuche oder zu dem es nächtlich kam, um zu trinken, der aber uns auf ferner elektrischer Kraftbahn die Energien gibt, unser Licht anzuzünden, oder bis zu der nachtschwarzen Abgrundtiefe des Ozeans, wo kleine Fische es bis zu Leuchtorganen gebracht hatten, die ein winziges Stückchen Wasser aufhellten, heute aber unsere transatlantischen Kabel ruhen, auf denen die Lichtgedanken unserer Kultur von Erdteil zu Erdteil zucken.
War das Menschenwesen aber auf dieser Seite berufen, das gewaltigste, in seiner Weise furchtbarste Kampf-, Macht- und Herrenwesen dieser Erde zu werden als ganz neuer Erfüller des uralten Streit- und Behauptungsprinzips im Leben, so war es wieder jenes Freiheitsprinzip der eigenen Wahl, das es ein anderes unendlich reiches Gebiet dieses Lebens sozusagen erlösen und in ein oberes Licht rücken ließ. Wenn man aus Darwins Schule kommt, so erscheint wohl Fressen und Gefressenwerden als des Lebens einziger Schluß. Wir wissen aber, daß im Edelmenschen bis heute zweierlei wohnt: neben der stählernen Kriegskraft die Friedenssehnsucht. Nur wo beides im rechten Maße vorhanden ist, da ist ein Volk auf seiner Höhe. Wir wissen von einem in dieser bewegten Stunde, das seine Kriegskraft in hartem Muß urgewaltig bewährt; das sich aber auch beruhigt sagen darf, wie echt seine Friedenssehnsucht war …
In Wahrheit gehen ebenso auch schon durch die ganze Lebensentfaltung unter uns und ihre Triebe Versuche der friedlichen[23] Einigung, der Genossenschaftsbildung, der gegenseitigen Hilfe. Ganz tief zu Anfang hat das schon Zellen zu Zellstaaten vereinigt, wie ja einer in unserm eigenen Menschenkörper noch bis heute fortlebt, der im gesunden Menschen auf der Höhe seiner Lebensreife geradezu ein Wunderwerk von sozialem Zusammenhalt und Gemeinschaftsarbeit Aller für Alle darstellt. Und höher hinauf hatte es dann zu allen Sorten von verwickelten Symbiosen, wie der Forscher das zu nennen pflegt, gegenseitig förderliche Lebensgemeinschaften heißt es deutsch, zu Tierhorden und Tierstaaten geführt, alles doch zunächst auch noch in die große Instinktmaschine gesperrt, die hier in einer Unmasse immerhin doch friedlich gewendeter Sozialtriebe glänzte. Der Mensch konnte also auch das schon übernehmen und in seiner Weise mit ablösen, wobei ihm das Soziale zweifellos gleich anfangs große Hilfen zu seinem Übergang zum freien Intellektweg selbst gewährt haben muß: in der Lehre, die bei friedlichem Verband das Kind wenigstens als erste Lebenshilfe von den Eltern erhalten konnte, und vor allem in dem unvergleichlichen sozialen Hilfsmittel der Sprache. Die Sprache ist darüber hinaus dann selber eine gewaltige Verstandesschule geworden, an der sich die begriffliche Ordnung der Dinge, diese ungeheure Erweiterung und Vergeistigung der einfachen Beobachtung, heraufgearbeitet hat.
Umgekehrt aber hat der Intellekt mit seiner persönlichen Freiheit und seinem Neubau des wirklich wertvollen Individuums das Soziale selbst auf eine ganz neue Stufe gerückt. Die alten blinden Stammesinstinkte der zusammenhaltenden Herdentiere hat er zu ethischen Gesetzen umgeschaffen, zu Moral und Recht, an deren Befolgung sich der freie Charakter maß und stählte. Die Maschine des Tierstaats, die uns in allen Wundern des Ameisen- und Termitenlebens oder den aus Tausenden von Einzelpersonen leibhaftig zusammengewachsenen Schwimmstaaten der Siphonophoren-Quallen zuletzt doch wie eine große gespenstische Galeere anschaut, wo jedes an seinen Rudersitz zeitlebens angekettet sitzt, belebte er zum echten Staat, der aus freiwillig verantwortlichen Bürgern besteht, die sich auch bis zum Tode hingeben, aber wissen warum und mit Liebe an ihrem Gemeinschaftsideal hängen.

eCommerce Basis